Echo war eine Spielfigur in den Spielen der Götter. Zeus benutzte sie, um seine Frau Hera von seinen Liebeleien mit anderen Nymphen abzulenken. Die Strafe für diese Täuschung war grausam: Hera nahm ihr die Stimme und ließ ihr nur die Fähigkeit, die an sie gerichteten Worte zu wiederholen. Dieser Fluch machte es ihr unmöglich, ihre Liebe auszudrücken. Er führte zu ihrer Verzweiflung und schließlich dazu, dass nichts als ein Echo von ihr blieb.
In meiner Interpretation dieses Mythos wird Echos Tragödie zu ihrem Triumph. Sie steht vor einem Kessel brodelnder Täuschung, nahe der donnernden Kaskade eines Wasserfalls, auf einem Bett eleganter Muscheln. Sie legt ihre Sprachzauber über die Besatzungen ahnungsloser Schiffe und treibt sie ins Verderben, eine Stimme nach der anderen. Ihre Nachahmung, einst ein Fluch, wird zur Waffe …
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Zur Serie
In dieser Serie werden die Stereotype, mit denen Frauen im Lauf der Geschichte belegt wurden, zu ihrer größten Stärke. Inspiriert von den Modetafeln der Gazette du Bon Ton aus den 1920er-Jahren verwebe ich archaische Hexenmotive mit den rätselhaften Erzählungen von sechs griechischen Göttinnen und Nymphen: Thea, Kassandra, Echo, Rhea, Kirke und Aphrodite.
Indem ich vereinfachende Motive mit der ersten Generation „befreiter“ Frauen aus der Gazette du Bon Ton verbinde, spiele ich mit den Grundlagen von Freiheit und Unterwerfung. Die Gazette, die nur Wohlhabenden zugänglich war, verkörperte eine Form der Befreiung, die für die meisten Frauen verlockend und doch unerreichbar blieb. Aber selbst Frauen, die sich die Gazette leisten konnten, wurden verunglimpft, wenn sie es wagten, sich zu kühn auszudrücken. Sobald sie die Grenzen damenhaften Verhaltens überschritten, stießen sie an eine gläserne Decke aus Verurteilung oder gar Verachtung. Ein ironisches Druckmittel, bedenkt man, wie grenzenlos sich die Vorschriften für damenhaftes Verhalten über die Jahre erwiesen haben. Immer wieder angepasst von Männern und Frauen, die unabhängige Geister mehr als alles andere fürchten.
Das modische Zusammenspiel von Hexerei, dämonischer Besessenheit und weiblicher Sexualität in dieser Serie lädt dazu ein, sich all diese sexistischen Stereotype zurückzuerobern … schon wieder, denn sie sind noch immer da: eingebettet in kulturelle Artefakte und filigran in die gesellschaftliche Kontrolle eingearbeitet. Deshalb war Transzendenz der Ausgangspunkt dieser Serie. Jede Göttin und Nymphe überschreitet die Grenzen zwischen Heldentum und Schurkentum, denn Gottheiten lassen sich nicht einengen. Zugleich rufen die unerbittlichen Gesichter und kunstvoll verdrehten Körper der Modeillustrationen weiterhin dieselbe Spannung hervor: zwischen dem Streben nach Selbstbestimmung und dem Nachgeben gegenüber der Kontrolle sozialer Normen. Ebenso zeigen sie das Paradox ihrer neu gewonnenen Befreiung als Modefiguren. Perfekt zugeschnitten und doch weiterhin mit der Erwartung belastet, sich anzupassen – wenn auch in Couture. So greifen ihre Geschichten die zyklische Natur jener Unterdrückung auf, die Frauen unter all den abgegriffenen Stereotypen von Hexe, Jungfrau, Mutter und Hure ertragen haben …